Monatsspruch Juni

An Gott glauben?

Wie jedes Jahr nutzt „DER SPIEGEL“ die christlichen Feste, um sich, meist in einer Titelgeschichte, mit Religion zu beschäftigen. Sie kommen einfach davon nicht los, das zeigt, wie groß die Bedeutung der christlichen Religion nach wie vor ist.

Auch in diesem Jahr: „Warum selbst Christen keinen Gott mehr brauchen“, titele das Magazin, um uns dann mit einer Statistik zu belehren, nach der aber 75 % der Katholiken und 67 % der Protestanten an Gott glauben.

Ja, was denn nun?

Und dann folgt das Übliche – das große Missverständnis: Man stellt sich Gott vor so als eine Art höheres Lebewesen, das alle Welt- und Einzelschicksalfäden in der Hand hält, und wundert sich dann, dass man weder im Himmel noch auf Erden Anzeichen für die Existenz eines solchen Wesens finden kann.

Kann man auch nicht, denn einen „Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ (D. Bonhoeffer). Religiöse Sprache ist eine ganz eigene Sprache, eher der Dichtkunst verwandt denn der wissenschaftlichen Beschreibung.

Religiöse Aussagen sind Bilder, die helfen sollen, sich in der (eigenen) Welt zurechtzufinden, sie sollen trösten, wo Trost nötig ist, Hoffnung wecken, Mut machen angesichts der Erfahrung, dass das Leben sehr schön und sehr schrecklich ist. Religiöse Sätze sind existenzielle Aussagen, keine objektivierenden Beschreibungen. Und die Frage nach Gott ist keine nach einem „höheren Wesen“, sondern danach, ob dieses Leben einen Sinn habe. Und an einen Lebenssinn kann man nur glauben - wenn man denn kann. „Objektiv“ betrachtet, ist Leben ja vielleicht wirklich sinnlos. Aber mit dem Glauben an einen Lebenssinn lebt es sich gewiss besser.

Gott ist keine Person, sondern ein religiöses Wort für „Sinn“ - aber wir reden in Personenbildern (Gott als Vater, König, Hirte...), weil alles, das uns weniger als persönlich betrifft, gar nicht sinnstiftend sein kann. Gott ist keine Person, aber eine Beziehung zu Gott kann nicht weniger als persönlich sein. Deswegen reden wir, wenn uns etwas persönlich und emotional angeht, in persönlichen Bildern, z. B.: „Die Angst sitzt mir im Nacken“, „Liebe erwärmt mein Herz“, „der Ehrgeiz packt mich“ - alles emotionale Erfahrungen, die wir sprachlich personifizieren, ohne dass wir davon ausgehen, Angst, Liebe oder Ehrgeiz seien Personen.

Gott ist das religiöse Wort für die Erfahrung von Lebensorientierung, Hoffnung, Mut, Trost, Geborgenheit, Vertrauen, Liebe, Respekt, Würde – und all das gibt es – ganz real!

 

Ihr H. Martens

 

nach oben